20100620

BOW TO THE LYCANCYCLER CULT


2010 scheint ein gutes Jahr für allerlei extreme Musik zu sein - insbesondere die Death/Black-Szene blüht mit überpfundigen Releases von Bands wie Vasaeleth, Encoffination oder Dispirit auf wie schon lange nicht mehr. Satan's Satyrs haben mit dieser Richtung zwar eher wenig am Hut, reihen sich aber locker in die Riege unbefleckter Demobands ein, die Großes zu versprechen scheinen.

Die zwei jungen Ziegenanbeter Claythanas und The Ghoul aus Virginia haben mit ihrem mehr oder weniger aktuellem Demo ein überraschend frisches Intermezzo abgeliefert, irgendwo zwischen klassischer Black Flag'scher Punk-Viehtreiberei, den textlichen Gefilden von Witchfinder General oder Pentagram und der Attitüde neuerer Darkthrone-Releases werden hier drei Songs rausgefeuert, die einem die Bäckchen vor Freude rot strahlen lassen.

Mit "Lycancycler Cult" ist den Jungs sogar ein richtiger Hit gelungen, was die okkulten Boys von vielen ähnlich gelagerten, aber schlechter 'durchgeführten' Bands wohlwollend unterscheidet. Nicht zu vergessen die herrlich muffigen Orgelsounds im letzten Track - worship or be a whimp!

Myspace | Kassette abgreifen

20100204

Slowcore-Special (7): Smog



"The Doctor Came At Dawn" (1996, Drag City)

Neulich drehte sich "Sometimes I Wish We Were An Eagle" zu später Stund' auf meinem Plattenteller und es schoss mir wieder in die Birne: Viel zu lange hatte ich Bill Callahan, den scheuen, genialischen Songwriter aus den Staaten, übergangen. Als ich seine Musik kennelernte, war er mit ihr bereits im Feuilleton angelangt und firmierte seit zwei Alben unter seinem bürgerlich Namen. Oben zitiertes Album war seine aktuelle Platte und schunkelte sich so schelmisch und prägnant, so feingliedrig und butterweich in die Ohren, dass ich sie inzwischen zu den musikalischen Sternstunden des letzten Jahres zähle. Mr. Callahan klang jedoch nicht immer derart beschwingt und lakonisch: Das 13 Jahre ältere "The Doctor Came At Dawn" wirkt im Gegensatz geradezu trostlos, schummrig und innerlich zerrissen. Ein Album, das musikalisch genau zwischen den Stühlen saß und eine Zäsur in seiner bis dahin schütteren Lo-Fi-Klang darstellte. Das Unterproduzierte wich, es wurde ein wenig musikalischer, raufaserige Streicher und ein schiefes Piano unterfütterten in vereinzelten Liedern das kahle Soundgewand, welches schmerzhaft spärlich instrumentiert war und nur aus einer Akustikgitarre und seiner unverwechselbaren Stimme bestand. Es ist überflüssig, zu erwähnen, wie herzerweichend elegant sie selbst noch klingt, wenn er seine Zeilen mit tief-vollsamtigen Bariton vor sich hin murmelt. Wer seine Musik kennt, weiß auch, was für ein gewitztes, sarkastisches Kerlchen Bill Callahan eigentlich ist. In seinen dunkelhumorigen Texten versah er damals schon das Depressive stets mit einem zynischen Auge. "..The water demon's eyes are pink and green, scales of silver mirror mesmerize, the most beautiful thing you've ever seen, spits bile into your eye". Finstere Zeilen, die auch unter dem Umstand, dass er mit jeder weiteren Platte einen Strahl mehr Sonnenlicht hineinschauen ließ und immer etwas unbeschwerter wurde, nie schwer im Magen liegen.

20100203

Slowcore-Special (6): Early Day Miners



"Placer Found" (2000, Western Vinyl)

In ihrer recht überschaubaren Diskografie spielt der Erstling von Early Day Miners womöglich eine unwichtige Rolle. Aufmerksamkeit zog man erst auf sich, als ihr Sound im Laufe der Veröffentlichungen etwas expandierte - sphärischer, dynamischer, aber auch kompakter wurde. Bis heute ist es allerdings 'Placer Found', das mir immer noch am Häufigsten kleine Rührungsmomente beschert und sich in diesen Kontext ohnehin wunderbar einfügt. Mit breiter Borste werden hier ausgiebig Begriffe wie Repetition und Minimalismus aufgetragen, überlange Instrumentalstücke dürfen herrlich saumselig in der Luft hängen, ohne dass die Songdienlichkeitskelle kantig hochschnappt - "Placer Found" ist sozusagen mein "First Pick" für einen melancholisch wegdriftenden Abend. Denn hierauf geschieht im Grunde nichts Besonderes, es ist ein sachtes, sich unauffällig voranbewegendes, stringentes Album, das sich keinerlei Ausbrüche erlaubt. Aufschwung war gestern, es folgt die Einkehr und Stagnation, und dass stets etwas 'passieren' muss, ist sowieso überbewertet - na also! Early Day Miners sind in erster Linie eben Landschaftsmaler: In ihrem Soundbild gemächlich oszillierend zwischen ätherischem Klang und nüchterner Weltsicht, lassen sie dabei Bilder entstehen, welche sich auf den Hyperrealismus, den Springsteens "Nebraska" schon abbildete, beziehen. Panoramen zerklüfteter Gegenden, von kargem Hochland, riesigen, unberührten Landstrichen und entlegenen Felsschluchten. Von heruntergekommenen Gemeinden, abgekappt von der wirtschaftlichen Nabelschnur, geprägt durch Rost und Staub. In ihrer Musik, die über die Freiheiten, die die Wiederholung bietet, sehr wohl informiert ist, zeichnen Early Day Miners 'nur' Landschaften nach - dieses Metier beherrschen sie jedoch perfekt.

20100121

Songs About Fucking #3



#3: Jonathan Halper - Leaving My Old Life Behind/I Am A Hermit

Let's get soopaobscure. 'Puce Moment', ein Kurzfilm aus dem Jahre 1949, knapp über 6 Minuten lang. Psychedelisch und doch irgendwie ganz normal, Bilder die ihre subtile Wirkung erst ein paar Stunden später entfalten, wenn die Alltagsgedanken nochmal zufällig über das Gesehene stolpern. Die seltsam erfüllten Augen der einzigen Darstellerin Yvonne Marquis, die Farbgewalt die so gar nicht zur eigenen Vorstellung des Erscheinungsjahres passen will (aber sehr wohl zum Stil des Regisseurs, Kenneth Anger) und natürlich...die Musik. Fällt sofort auf und hört auch nicht mehr auf aufzufallen. Lo-fi as fuck würde der Neudeutsche sagen - aber wer singt sich da so luftig und abgekocht die Seele aus dem Leib? Und ist das wirklich 1949 enstanden? Nee, natürlich nicht - als Anger den Film 1966 nachbearbeitet hat, nahm er zwei Stücke des Songwriters Jonathan Halper und schloss damit die komplette Vertonung des Filmes ab. Von Halper sind weder Bilder, Lebensdaten oder sonstige Infos bekannt, was die ganze Sache natürlich doppelt so interessant macht.

Die beiden Songs die zu einem Stück fusioniert wurden nennen sich "Leaving My Old Life Behind" und "I Am A Hermit" und wären sie auf irgendeinem Album erschienen (das Stück existiert bis heute nur als direkter Audiorip der Filmaufnahmen), würde man sowas sicher als "einflussreiches Songwriter-Masterpiece" oder ähnlich verschroben-nichtssagend bezeichnen.

Halper singt mit Seele, die Gitarre wirkt wie von seinen Gefühlen gespielt, nichtsdestotrotz muss man
"Leaving My Old Life Behind/I Am A Hermit" als Experimentalstück bezeichnen - rückwärtslaufendes Band, Jug-Solo oder das abrupte Abbrechen von "Leaving..." und die sphärische Einleitung von "I Am A Hermit" sprechen unumgänglich dafür. Das alles wird aber derart entschieden umgesetzt, dass man auch heute noch staunen kann. Ein obskures Fundstück, dass nicht durch eben jene Obskurität, sondern durch seine Qualität interessant wird. Achja - eine Info über Halper gibt es doch noch: Er soll sich zeitnah nach den Aufnahmen in ein Mönchskloster zur Ruhe gesetzt haben.

Yes, I am a hermit - my mind is not the same

20100117

Slowcore-Special (5): Calla



"Scavengers" (2000, Young God Records)

Vielleicht ist es aufgrund der Anwesenheit von Michael Gira zu verstehen, dass Callas zweites Album bis heute ihr schroffstes Werk darstellt. Denn ähnlich wie bei Giras Experimental-Folk-Projekt The Angels Of Light sind ihre Arrangements von einer vergleichbaren Methodik geprägt, die das Desolate und Sphärische in ihren Songs mit einer kantigen, kauzigen Note versieht. Ihre Musik ist mal getragen und flächig, dort brüchig und durchscheinend, immer aufgesucht von einem immensen Melodiegespür des Sängers Aurelio Valle. In den höheren Tonlagen leidet er derart schön, wie einst Vogelscheuche und Schmerzensmann Robert Smith, manchmal klingt seine tiefe, weiche Stimme so auch ruhig und verhuscht, dass eine Melodielinie beim ersten Hören gar nicht erst auffallen mag. Calla haben zudem eine gewisse Dringlichkeit in ihrer Musik, etwas Düsteres, Antreibendes, es geht ihnen um etwas, sie meinen es ernst, das spürt man sofort - und sie nehmen sich Zeit: Es ist diese vage Entwicklung ihrer Stücke, die den Hörer zunächst warten lässt. Warten, auf das etwas wird. Obwohl einerseits recht simpel gestrickt, verharren sie oft in einer geisterhaften Stimmung, die ein wenig nach der Verschrobenheit des Labels klingt, auf dem das Album damals erschienen ist. Da fällt es auch nicht weiter aus dem Rahmen, dass ihre Kompositionen mit fortschreitender Spielzeit oft immer entrücktere, rauschige Bilder ergeben, die mit dezenten elektronischen Drones, Feedbacks, Rauschen, Surren und Knirschen meist in kurzen Zwischensequenzen münden. Nichtsdestotrotz, die New Yorker Band versteht es darüber hinweg einfach packende Songs zu schreiben. Songs, die zwar etwas zeitaufwändiger zu knacken sind, doch die Nacht ist ja lang.

"Scavengers" bis heute womöglich das intensivste, beste Album der Band. Es sollte es auch ihre einzige Veröffentlichung auf Giras Label Young God Records bleiben, aber wenn interessiert das eigentlich, vielmehr ist es der Inhalt: zehn Stücke, die einen kraftvollen Sog hinein in die schönste Trübsal entfalten. Existenzielle Schroffheit und eine düstere Wärme fügen sich hier zu einen überragenden Stück Indie-Musik zusammen.

20100109

Slowcore-Special (4): C-Clamp



"Longer Waves" (1999, OhioGold)

Mittlerweile würde ich diese Platte als ein kleines Juwel bezeichnen. Eine Version des Slowcore, die von einer sehnsüchteligen Midwestern-Atmosphäre durchzogen ist, irgendwo zwischen Hum, American Football und Codeine. Es muss in jenem endlosen Gebiet eine gewisse Magie im Staub liegen, dass dort ansässige Gitarren-Bands immer wieder die schönsten und einschmeichelndsten Melodien aus ihren Instrumenten entlocken. Gespielt von Leuten, deren Blick auf die Musik und ihre Stimmung nicht, wie häufig, durch Trübsal verzogen ist, sondern aufrichtig und klar wirkt. Ein Hang zur Feinheit und Transparenz war auch bereits auf "Meander + Return", dem Debüt von C-Clamp, auszumachen. Klang das auf der '95-Scheibe noch etwas forsch und gröblich gerahmt von Mathrock-artigen Strukturen, ließ sich auf "Longer Waves" ein Konturenabgleich feststellen. Man möchte Begriffe wie 'ausgereift' und 'erwachsen' bemühen - machen wir heute aber nicht. Paradoxerweise klingen sie zwar spürbar gebremst, haben jedoch dabei die knusprige Leichtfüßigkeit früherer Tage beibehalten. Denn mit welch unverschämter Lässigkeit und nicht zu verschweigender Musikalität das Chicagoer Trio seine melancholisch-melodiösen Songs herbei schweben lässt, ist jedes Mal eine Wohltat fürs Gemüt. Dabei knackt jeder der sieben Stücke die 5 Minuten-Marke und ist teilweise von atmosphärischen, ausschweifenden, improvisatorisch-anmutenden Passagen geprägt. Schwerfällig wird es nie: Betrachtet man alleine das taufrische Schlagzeugspiel, wird sichtbar, wie lebendig ihre Lieder durchdrungen sind, wie viele kleine Ideen in ihnen stecken. Lieder über das Leben und die kleinen Dinge darin, in Abwesenheit von Kitsch, Klischee oder schmärigem Selbstmitleid. Im Kern jedes Songs ruht die unangestrengte Leichtigkeit und Catchiness des Pop.

20091226

Emptyset - s/t



- 2009 auf Caravan Recordings erschienen.

Gegen Ende des garnichtmalsoschlechten Jahres findet erneut ein garnichtmalsokleines Techno-Highlight seinen Weg in die regnerisch kühlen Straßen des hiesigen Kleinkaffs. Bevorzugte Farbe: graues Schwarz. Herkunft: Bristol, England. Dubstep? Nope.

Das britische Duo lässt auf seinem just veröffentlichten Debüt einen Sound entstehen, der auf den ersten Eindruck zwar anachronistisch anmutet, sich bei genauerer Betrachtung doch offensiv auf die Gegenwart bezieht. Zutiefst groovend und heruntergeköchelt auf weißes Rauschen und superhart gecuttete Beats hat Empysets Musik selbstverständlich auch den Zeitgeist der pulsierenden Electro-Hochburgen Englands eingeatmet: man tippelt durch bassige Schwerkraft und beklemmenden Minimalismus, ist jedoch genauso am legendären Chain Reaction-Labeklang oder den spröden Minimaltech-Entwürfen der finnischen Knöpfchendreher von Pan Sonic interessiert. Einflüsse, die wie Tupfer der Erinnerungen auf der Bildfläche erscheinen und an ihren Ausläufern auch stilecht ins Noisige ausfransen dürfen. Clubtauglich ist die Platte demnach nur bedingt. Es sitzt, wackelt, hat aber kaum Luft.

Mit Minimalausrüstung dringen die beiden Bristolboys tief in einen sterilen, klaustrophobisch engen Korridor vor. Matt beleuchtet und scheißkalt ist's dort. Die Wände sind rissig, gezeichnet durch erschütterndes Grollen von einem wummernden, ca. 300km unter der Erdoberfläche gelegenen, Bass. Mithilfe weniger, aber präzise eingesetzter Mittel wird nach und nach eine weitere Tür eines Techno-Universums entsperrt, das offensichtlich noch längst nicht abgemessen ist.